Es ist Abend. Du hast dich gekümmert, Nachrichten beantwortet, gearbeitet oder Dinge erledigt, die niemand besonders bemerkt hat. Trotzdem fällt dein Blick auf das, was liegen geblieben ist. Vielleicht denkst du: „Heute war ich wieder nicht gut genug.“

Wenn dir das bekannt vorkommt, ist dieser Gedanke für dich: Du musst dir deinen Wert nicht jeden Tag neu verdienen. Nicht durch eine aufgeräumte Wohnung, eine besonders lange Aufgabenliste oder dadurch, dass du es allen recht machst.

Du darfst etwas verändern wollen und trotzdem schon heute freundlich mit dir umgehen. Auch dann, wenn dein Tag ganz anders gelaufen ist, als du es dir vorgenommen hattest.

Wenn aus „Ich habe etwas nicht geschafft“ ein „Ich bin nicht genug“ wird

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein großer Unterschied. Der erste beschreibt eine Situation. Der zweite macht daraus ein Urteil über dich als ganzen Menschen.

Vielleicht hast du eine Verabredung vergessen. Vielleicht bist du mit einer Aufgabe nicht fertig geworden. Oder du hast zugesagt, obwohl du eigentlich keine Kraft mehr hattest, und ärgerst dich jetzt über dich selbst. Das alles darfst du ernst nehmen. Du kannst dich entschuldigen, neu planen oder beim nächsten Mal anders entscheiden.

Aber du musst dich dafür nicht kleinmachen. Ein Fehler beschreibt etwas, das passiert ist. Er erzählt nicht alles darüber, wer du bist.

„Ich darf etwas besser machen, ohne mich selbst schlechter zu machen.“

Das ist keine Aufforderung, jede Verantwortung abzugeben. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was ist tatsächlich passiert? Was braucht es jetzt? Und welche unnötige Härte könnte ich dabei weglassen?

Selbstliebe darf ganz unspektakulär aussehen

Bei Selbstliebe denkst du vielleicht an große Worte oder daran, dich jeden Morgen strahlend im Spiegel anzulächeln. Wenn das nicht zu dir passt, musst du es nicht tun. Ein freundlicher Umgang mit dir kann viel leiser beginnen.

Zum Beispiel damit, dass du etwas isst, bevor du die nächste Aufgabe anfängst. Dass du eine Pause nicht erst dann erlaubst, wenn wirklich alles fertig ist. Oder dass du sagst: „Heute schaffe ich das nicht mehr“, ohne hinterher zehn Gründe aufzuzählen.

Vielleicht besteht dein kleiner Schritt auch nur darin, einen Satz zu verändern:

  • Aus „Ich kriege nie etwas hin“ wird: „Diese Aufgabe ist heute liegen geblieben.“
  • Aus „Ich bin viel zu empfindlich“ wird: „Das hat mich getroffen. Ich möchte verstehen, warum.“
  • Aus „Ich müsste längst weiter sein“ wird: „Ich schaue, welcher nächste Schritt für mich machbar ist.“

Du musst dabei nicht so tun, als wäre alles leicht. Du darfst enttäuscht, müde oder unzufrieden sein. Freundlichkeit bedeutet nicht, diese Gefühle wegzureden.

Fünf Affirmationen für mehr Selbstliebe

Eine Affirmation ist ein bewusst gewählter, bestärkender Satz. Wenn du neu damit beginnst, findest du im Beitrag „Was sind Affirmationen?“ eine einfache Einführung mit weiteren Beispielen. Hier geht es nicht darum, möglichst viele Sätze aufzusagen. Such dir einen aus, den du dir heute ohne großen inneren Widerstand sagen kannst.

  1. Ich bin mehr als das, was ich heute geschafft habe.
  2. Ich darf freundlich zu mir sein, auch wenn mir etwas misslingt.
  3. Meine Bedürfnisse dürfen in meinem Alltag Platz haben.
  4. Ich darf lernen, ohne schon alles zu können.
  5. Ich muss mir eine Pause nicht erst verdienen.

Du kannst deinen Satz auf einen Zettel schreiben oder ihn morgens beim ersten Glas Wasser lesen. Vielleicht passt er auch besser in einen Moment, in dem du merkst, dass du gerade streng mit dir wirst. Es gibt keine Pflicht, daraus eine perfekte tägliche Routine zu machen.

Wenn „Ich bin genug“ sich nicht ehrlich anfühlt

Dann wähle eine kleinere Formulierung. Aus „Ich liebe mich genauso, wie ich bin“ kann werden: „Ich möchte lernen, freundlicher mit mir umzugehen.“ Oder: „Vielleicht muss ich heute nicht so hart zu mir sein.“

Du musst dich nicht dafür kritisieren, dass ein positiver Satz sich fremd anfühlt. Eine Affirmation darf eine Richtung beschreiben, in die du gehen möchtest. Sie muss kein Zustand sein, den du schon erreicht hast.

EIN MOMENT NUR FÜR DICH

Eine kleine Übung: Wie würdest du einer Freundin antworten?

Nimm dir, wenn du magst, ein Blatt Papier. Drei kurze Sätze reichen.

  1. Schreib den strengen Gedanken auf.
    Zum Beispiel: „Ich habe heute viel zu wenig geschafft.“
  2. Antworte einer Freundin.
    Was würdest du ihr sagen, wenn sie genau das zu dir sagt? Vielleicht: „Du hattest einen anstrengenden Tag. Nicht alles muss heute fertig werden.“
  3. Richte diese Antwort an dich.
    „Ich hatte einen anstrengenden Tag. Ich darf entscheiden, was bis morgen warten kann.“

Überlege anschließend, welche kleine Handlung zu deiner Antwort passt. Eine Aufgabe verschieben? Um Hilfe bitten? Das Handy für zehn Minuten weglegen? Wähle etwas, das unter deinen heutigen Umständen tatsächlich möglich ist.

Du musst dich danach nicht sofort besser fühlen. Es reicht, dass du dir einen anderen Umgang mit dir erlaubt hast.

Was du dir heute erlauben darfst

Du kannst ehrgeizig sein und Pausen brauchen. Du kannst andere Menschen lieben und trotzdem Grenzen setzen. Du kannst an dir arbeiten, ohne dich als dauernde Baustelle zu betrachten.

Vielleicht bleibt heute etwas liegen. Vielleicht brauchst du für etwas länger als andere. Vielleicht gibt es gerade keinen großen Fortschritt, den du vorzeigen möchtest. Du darfst dir trotzdem mit Respekt begegnen.

Wenn du heute nur einen Gedanken mitnimmst, dann diesen:

„Mein Wert wartet nicht am Ende meiner Aufgabenliste.“

Was könnte heute ein kleiner, freundlicher Schritt dir selbst gegenüber sein?

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