Am Abend setzt du dich für einen Moment hin. Eigentlich gab es heute auch Schönes: eine liebe Nachricht, ein gutes Gespräch, ein paar Minuten Sonne. Trotzdem beschäftigt dich vor allem die Sache, die nicht geklappt hat.
Vielleicht kommt dann dieser Gedanke: „Ich müsste doch dankbarer sein.“ Schließlich hast du Menschen um dich, ein Zuhause oder etwas erreicht, das du dir lange gewünscht hast. Warum fühlst du dich also nicht einfach zufrieden?
Du musst dich nicht zwischen Dankbarkeit und deinen anderen Gefühlen entscheiden. Ein schöner Moment darf etwas bedeuten, während eine Enttäuschung noch wehtut. Du kannst beides ernst nehmen.
Es darf mehr als ein Gefühl da sein
Vielleicht freust du dich über einen Besuch und bist danach erschöpft. Vielleicht bist du froh über deine Arbeit und wünschst dir gleichzeitig, dass die Aufgaben gerechter verteilt werden. Vielleicht schätzt du eine Freundschaft und ärgerst dich trotzdem über eine abgesagte Verabredung.
Wenn du deinen Tag beschreibst, darfst du all diese Seiten erwähnen. Du brauchst keine davon zu streichen, damit die andere glaubwürdig ist.
„Ich kann etwas Schönes schätzen und trotzdem sagen, was mir fehlt.“
Dankbarkeit kann ganz konkret sein: Jemand hat dir aufmerksam zugehört. Eine Aufgabe ging leichter als erwartet. Du hast einen Augenblick genossen. Daraus muss kein Urteil darüber werden, ob dein ganzes Leben gerade gut genug ist.
Vielleicht hilft es dir, bei diesem einen Erlebnis zu bleiben: „Dieses Gespräch hat mir heute gutgetan.“ Der Satz sagt nichts darüber aus, wie du dich während des restlichen Tages fühlen musst.
Wenn aus Dankbarkeit ein „Ich sollte“ wird
Manchmal taucht beim Nachdenken sofort ein Vergleich auf: Andere hätten gern, was du hast. Anderen gehe es viel schlechter. Also müsstest du doch zufrieden sein.
Du darfst wissen, dass andere Menschen Schwierigkeiten erleben, und deine eigenen trotzdem benennen. Dein voller Alltag wird nicht weniger voll, wenn du dir vorhältst, dass jemand anderes noch mehr erledigt. Eine Enttäuschung wird nicht automatisch kleiner, weil sie von außen unscheinbar aussieht.
Versuche, den Satz „Ich sollte dankbar sein“ einmal durch eine offene Frage zu ersetzen: „Was weiß ich heute zu schätzen, wenn ich ehrlich auf meinen Tag schaue?“
Vielleicht findest du eine Antwort. Vielleicht merkst du zuerst, wie müde du bist. Auch das ist etwas, das du wahrnehmen darfst. Wenn du beim Schreiben nur nach der richtigen, möglichst positiven Antwort suchst, leg den Stift ruhig kurz zur Seite.
So kann beides nebeneinander stehen
Du magst deinen Alltag und brauchst eine Pause
Es gibt Menschen und Aufgaben, die dir wichtig sind. Trotzdem möchtest du gerade eine Stunde für dich. Du könntest sagen: „Ich bin froh, dass wir Zeit miteinander hatten. Jetzt brauche ich etwas Ruhe.“ Dein Wunsch nach einer Pause nimmt dem gemeinsamen Moment nichts weg.
Du freust dich über Unterstützung und bist noch traurig
Jemand hat dir nach einer Enttäuschung eine aufmerksame Nachricht geschickt. Du freust dich darüber, aber die Sache selbst beschäftigt dich weiterhin. Ein ehrlicher Satz wäre: „Danke, dass du an mich denkst. Das bedeutet mir viel. Ich bin gerade trotzdem noch traurig.“
Du musst als Antwort auf Freundlichkeit keine gute Stimmung vorzeigen.
Du schätzt etwas und möchtest etwas verändern
Vielleicht magst du eine regelmäßige gemeinsame Unternehmung, doch der Termin passt inzwischen schlecht in deinen Alltag. Du kannst sagen: „Ich möchte unsere Treffen gern behalten. Können wir eine andere Uhrzeit finden?“
Wertschätzung darf auch der Anfang eines Gesprächs darüber sein, was künftig besser passen würde. Wenn dir solche Gespräche schwerfallen, findest du in „Nein sagen ohne lange Rechtfertigung“ weitere Formulierungen für deine Grenzen.
EIN MOMENT NUR FÜR DICH
Drei Fragen für einen ehrlichen Tagesrückblick
Nimm ein Blatt Papier oder geh die Fragen in Gedanken durch. Ein kurzer Satz pro Frage reicht. Du kannst auch eine Frage auslassen.
- Was hat mich heute beschäftigt oder Kraft gekostet?
Zum Beispiel: „Die kurzfristige Planänderung war anstrengend, weil ich mich auf einen ruhigen Nachmittag gefreut hatte.“ - Gab es etwas, das ich zu schätzen weiß?
„Eine Freundin hat zugehört, ohne sofort einen Ratschlag zu geben.“ Es darf eine kleine, konkrete Sache sein. - Was wünsche oder brauche ich jetzt?
„Ich möchte den Abend ruhig ausklingen lassen und die offene Frage erst morgen klären.“
Lies deine Antworten nebeneinander. Keine muss die andere aufheben. Du brauchst am Ende keinen positiven Schlusssatz zu finden, wenn er sich für dich nicht ehrlich anfühlt.
Vielleicht möchtest du dir nur eine Sache mitnehmen: eine Bitte für morgen, einen Dank an jemanden oder die Entscheidung, heute nichts mehr zu planen.
Wenn dir gerade nichts einfällt
Es gibt Abende, an denen du keine Liste mit schönen Dingen schreiben möchtest. Dann darf das Blatt leer bleiben. Du musst keinen passenden Moment erfinden oder etwas aufschreiben, das du eigentlich gar nicht so empfindest.
Vielleicht passt heute eine andere Frage besser: „Was würde diesen Abend ein kleines bisschen angenehmer machen?“ Eine bequeme Decke, ein ruhiger Platz oder ein kurzes Gespräch könnten eine Antwort sein. Du kannst auch einfach feststellen: „Ich weiß es gerade nicht.“
Falls du lieber kurz aus dem Nachdenken herauskommen möchtest, findest du in „Fünf Minuten Achtsamkeit“ eine Einladung zum Schauen, Hören und Wahrnehmen. Du entscheidest, ob das heute zu dir passt.
Ein ausgelassener Tagesrückblick muss morgen nicht nachgeholt werden. Du darfst dir bei einer anderen Gelegenheit wieder Zeit dafür nehmen.
Vier Affirmationen, die Platz für deinen echten Tag lassen
Vielleicht möchtest du einen dieser Gedanken neben deine Notizen schreiben. Wähle den Satz, mit dem du gerade etwas anfangen kannst.
- Ich darf Schönes wahrnehmen und Schwieriges ernst nehmen.
- Meine Dankbarkeit muss niemandem etwas beweisen.
- Ich darf schätzen, was da ist, und sagen, was ich brauche.
- Heute darf meine Antwort ehrlich sein.
Wenn du mehr darüber lesen möchtest, wie du passende Worte für dich findest, schau in unseren Einstieg „Was sind Affirmationen?“. Ein bestärkender Satz darf zu deinem Erleben passen.
Dein Impuls zum Mitnehmen
Vielleicht fällt dir beim nächsten Rückblick zuerst etwas Schweres ein. Du kannst erst einmal in Worte fassen, was dich daran beschäftigt. Danach kannst du schauen, ob daneben noch etwas anderes Platz hat.
„Ich darf dankbar sein und trotzdem einen schweren Tag haben.“
Welche zwei Dinge sind heute gleichzeitig wahr für dich?
